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Das Projekt “Idiotenfriedhof” ist ein Mahnmal für “Euthanasie”-Opfer des St. Johannes Stifts in Marsberg, Westfalen (Heute: Westfälische Klinik Marsberg, Kinder- und Jugendpsychiatrie). Eine Installation am Anstaltsfriedhof, Bredelarer Straße 33, wird ergänzt durch kontinuierliche Projektarbeit mit Patienten der Klinik heute.

Geschichte
Im St. Johannes Stift wurde 1940/1941 eine Kinderfachabteilung vom “Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden” eingerichtet. Von nationalsozialistischen Ärzten und Krankenschwestern wurden hier psychisch kranke und körperlich und geistig behinderte Kinder und Jugendliche getötet. Etwa 50 Gräber auf dem Anstaltsfriedhof an der Bredelarer Straße konnten eindeutig diesen Opfern zugeordnet werden. Weil Informationen über die Kindermorde nach außen gelangten und in der Marsberger Bevölkerung Unruhe entstand, wurde die Fachabteilung 1941 nach Dortmund-Aplerbeck verlegt. (s. Bernd Walter: Die NS-“Kinder-Euthanasie”-Aktion in der Provinz Westfalen, in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 3/01, S.222 und 215)

Der Name
“Idiotenfriedhof” war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die offizielle Bezeichnung der Klinik. Bis in die 60-er/70-er Jahre des 20. Jahrhunderts war sie selbstverständlicher Sprachgebrauch, ebenso wie “Idiotenfriedhof”. Erst danach, mit der intensiven Diskussion der jüngsten Vergangenheit und der nationalsozialistischen Verbrechen verschwanden die Bezeichnungen. Vom Projekt wird ausdrücklich das diskriminierende Wort aufgegriffen mit dem Ziel, einerseits zu erinnern und bewusst zu machen, was war und was damals selbstverständlich war – und andererseits auf zu zeigen, was sich ändern kann.

Installation am FriedhofKunst für den Friedhof
Ein Deutungsversuch
Ein 3 x 3 m großes schwarzes Quadrat aus 8cm starkem Stahl-Rechteckrohr umrahmt und betont den Eingang zum Friedhof. Er trägt die Inschrift: “Hier und da, 1940 – 2004″. Die von der Bildhauerin Astrid Raimann gestaltete Installation ist im Sinne von Konzeptkunst keine Arbeit, die als Kunstwerk für sich steht, sondern findet ihren Sinn in der Wirkung, die sie auf die Wahrnehmung der Besucher ausübt.

Die Aufmerksamkeit wird auf den Moment des Übergangs gelenkt. Man durchschreitet die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Lebenden und Toten, Gesunden und Kranken, “Normalen” und “Verrückten”, denen die dazugehören und den “Lebensunwerten”.

Im September 2004 wurde die Installation errichtet, in Zusammenarbeit mit der Sparkasse Paderborn und der Westfälischen Klinik Marsberg.

Kunst für Kinder, lebendiges Mahnmal
Das Besondere an der Gedenkstätte Projekt “Idiotenfriedhof” in Marsberg ist die Koppelung eines künstlerisch gestalteten Mahnmals, der Installation am Friedhof, mit einem kontinuierlichen Projekt mit und für PatientInnen der Klinik (Psychiatrie). Es handelt sich um von Künstlern angeleitete jährlich stattfindnde Workshops (bisher: Steinbildhauerei, Videowerkstatt, Comicwerkstatt, Aquarellmalerei, Marionettenbau und -Spiel, Improvisationstheater und kreatives Schreiben). Das Ziel ist hier, ebenso wie bei der Installation am Friedhof, einen Bewusstseinsprozess an zu stoßen. Den jungen Patienten werden von Künstlern Mittel an die Hand gegeben, mit deren Hilfe sie ihre Befindlichkeit in einer extremen Lebenssituation ausdrücken können. Indem sie sich mit den Ergebnissen einem Publikum vorstellen, sollen sie den “Wert” ihrer eigenen Sicht der Welt erleben. Ziel der Workshops und der Präsentation in der Öffentlichkeit ist es, auf der Seite des Publikums Vorurteile und Berührungsangst vor Psychiatrie und psychischer Krankheit ab zu bauen.

aquarellworkshop 2006

Die Workshops werden organisiert vom Verein Kunst in der Klinik e.V. und durch Spenden getragen.

mehr:www.idiotenfriedhof.de

“Eigene Wege gehen” ist der Arbeitstitel des Tanztheaterprojekts in der psychiatrischen Kinder- und Jugendklinik Marsberg dieses Jahr. Fünf junge Menschen in einer besonderen Lebenssituation haben in dieser Woche mit ihren Füßen, mit ihrem Körper, mit Bewegung und Musik eigene Wege gefunden, sich auszudrücken. Ute Seddig, Tanztherapeutin aus Köln, hat sensibel und mitreißend Wege gezeigt, wie das gehen kann. Diese fünf Mädchen haben eine Woche lang hart gearbeitet und hoch motiviert etwas Außergewöhnliches geschaffen.

Formen und Bilder werden eine Geschichte. Ein Muster beschleunigt sich bis zur Auflösung.
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Drama
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Solo

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Choreografie
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Tanzen!

Slow Motion

Das Publikum ist begeistert. Standing ovations.

Vierter Tag
Heute nochmal harte Arbeit. Letzte Feinheiten. Üben. Proben für morgen. Die Performance ist öffentlich. Du bist herzlich eingeladen. Morgen, Freitag, 24.7. im Festsaal der LWL-Klinik Marsberg, Bredelarer Str. 33. Um 14.00 Uhr

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Trotz warm-schwülem Wetter steht die Performance. Jetzt schon. Die Musik ist auch zusammengestellt. Diese Mädchen sind so begeistert. Und unglaublich schnell. Heute musste es entspannt angehen, es ist richtig anstrengende Arbeit.

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Aus dem, was gestern war, auswählen, was am besten gefallen hat. Gute Musik. Tanzen. Zusammen. Allein. Die Mädchen sind hoch motiviert. Sie verabreden sich für die Freizeit, um Musik für die Abschlussperformance zusammen zu stellen. Es ist heiß. Es gibt Obst und Sprudel von der Klinik. Eva organisiert kongenial im Hintergrund.

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Montag: Sechs junge Mädchen aus verschiedenen Stationen der Jugendpsychiatrie kommen zum Festsaal. Kennenlernen. Eine Gruppe werden. Spiegeln: Eine nimmt eine ausdrucksvolle Haltung ein – eine andere stellt diese nach. Wie fühlt sich das an? Gar nicht so einfach. Jede legt, stellt, setzt, bewegt sich an einen Platz im Raum, in einer Haltung, Bewegung, die heute passt. Die Plätze und Formen tauschen. Ein Ablauf entsteht. Erste Formen und Choreografien. Gemeinsame Bewegung.

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Nächste Woche ist es wieder soweit: Montag beginnt der diesjährige Workshop in der LWL-Klinik Marsberg (Kinder- und Jugendpsychiatrie). Ute Seddig aus Köln bietet Tanztheater an. Seit 2002 organisiert Kunst in der Klinik e.V. diese Workshops als lebendiges Mahnmal für “Euthanasie”-Opfer des Nationalsozialismus. Tanz hatten wir noch nicht. Wir sind alle sehr gespannt.

DVD-Cover_front

2013, 35 Min.

Sechs junge Menschen arbeiten eine Woche lang am Stein, unter Anleitung der Bildhauerin Astrid Raimann. Die Aufgabe: Finde deine Form. Wir sehen sie bei der Arbeit und erfahren, was sie dabei bewegt, wie sie zu ihrer Form kommen.

In den Arbeitspausen sprechen sie über die Schule, über Freunde, über ihre Interessen und Pläne, über ihre Familie. Sie sprechen auch über den Klinikalltag. Und warum sie hier sind: in der Psychiatrie.

Dies ist der 11. von Künstler_innen angeleitete Workshops für junge Patient_innen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, den KUNST IN DER KLINIK e.V. jedes Jahr in den Sommerferien organisiert. Es ist die 2. Steinbildhauerwerkstatt, davor gab es einen Videoworkshop, eine Comicwerkstatt, Marionettenbau und –Spiel, 2x Kreatives Schreiben/Theaterimprovisation und 4x Malerei.

Der Film zeigt die Arbeit im Workshop 2013, interviewt die Teilnehmer_innen und die Leiterion und beleuchtet den Hintergrund des Projekts: KUNST IN DER KLINIK ist Teil des Projekts „Idiotenfriedhof“, ein lebendiges, auf die Zukunft gerichtetes Mahnmal für die behinderten und psychisch kranken Kinder, die  im Rahmen der Kinder–„Euthanasie“–Aktion von NS-Ärzten umgebracht worden sind.

Diesen Film kann man  über das Kontaktformular bestellen. Er kostet 12 €.

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Eine Fülle von Texten ist in dieser Woche entstanden: kurze Texte, konzentriert wie Gedichte, lange Texte, Steckbriefe, gemeinsam geschriebene Assoziationsketten und –brücken, lustige Texte und schwere Texte. Sookee und die Teilnehmerinnen des Workshops „Kreatives Schreiben“ haben die Texte an Stellwände gehängt, auf den Boden geklebt, in die Luft gehängt – und vorgetragen. Alle Texte waren anonymisiert, es war nicht zu erkennen, wer was geschrieben hatte. Außerdem gab es ein Zeichensystem, mit dem jeder Besucher entscheiden konnte, z.B. schwere Texte zu lesen oder nicht. Respekt, Rücksicht, Schutz und Selbstschutz waren immer wieder Thema in dieser Woche.

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Es gab eine

  • Sammlung schöner Worte: Himmelsrand, Eichhörnchen!! Feuer, Liebe, Melancholie, Pudding, Kekse, Wort, Schmetterling, Regenbogen, Eleganz, Mut, Hinterland, Glück, Magie, Karibik, Traum, Pups, Schokolade, Melodie, wundervoll, Traum, Weise, Neon, Einhorn, Erdbeere, Himmel, Sommer

und eine

  • Sammlung doofer, hässlicher, nicht so schöner Worte: Egoismus, Bild, Durchfall, Tür, Krätze, Physik, Bombe, Zuckerwatte, Punkt, Pappe, Stuhl, Platte, paradox, Matte, Denken, Stolzzzzz, Motte, Lichtschalter, Mathe, Blatt, KKK, hysterisch, Kontakt, Gymnasium

und noch eine

  • Sammlung missverständlicher, unklarer, schwieriger, Fragezeichen-aufgebender Worte

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  • Man konnte hören und lesen, was der Regen sagen würde, wenn er zu uns sprechen könnte.
  • Wir hörten, dass die depressive Katze, die noch dazu eine psychosomatische Störung hat und heute keine Maus gefangen hat, lernen muss, dass sie Fehler machen darf und dass man im Leben nicht alles haben kann.
  • Wir hörten das Gedicht vom Krümelkeks, der allein und ohne Freunde im Gemüsebeet lebte.
  • Eine liebevoll – bewundernde – kritisch / weise Ansprache der Erde an ein „Du“.
  • Wir hörten und lasen, was heute alles nicht gemacht wurde,
  • und einen Versuch über die Frage, was Liebe ist.
  • Erstaunliche Weisheiten ergaben sich aus absurden Fließtexten nach dem Muster von Onkel Otto in der Badewanne („Friedliche Menschen müssten mehr Mist machen als die anderen.“ „Gute Nachrichten kommen gediegen aus dem TV.“ „Tanz mit mir, möglichst lange im Gewitter.“)
  • Außerdem: Gedanken darüber, was eigentlich ein Text ist,
  • eine Sammlung: „Dinge, die ich in den letzten Jahren über das Mädchen/Frau sein gelernt habe“,
  • außerdem darüber, was gut und nicht so gut ist für Kreativität.
  • Es gab eine Geschichte ohne Happy end im Regen,
  • ein Selbstporträt als Künstlerin,
  • einen Brief an sich selbst („Liebes Ich“)
  • und Kurztexte, konzentriert wie Prosagedichte, die unter die Haut gingen.
  • Jede Teilnehmerin hat einen Steckbrief gestaltet – so unterschiedlich wie das Leben selbst. Rubriken u.a.: `wichtigste Charaktereigenschaft´, `schönste Beobachtung in der Natur´, `größter Lebenstraum´, `Lieblingskörperteil´, `das Wichtigste überhaupt´.

Das Publikum war sehr beeindruckt.

Kennt Ihr Sookee?

Sookee (“Quing of Berlin”) ist Rapperin und ziemlich bekannt in der Szene. Rap: Text und Rhythmus, Körper und Wut. Und Spaß. Gewalt- und Machterfahrungen, Identitäts- und Geschlechterrollenfragen umzusetzen in Worte und Rhythmus: Das ist genau das Richtige für die Patient_innen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dachte ich, als ich in einem ZEIT-Interview mit Sookee las, dass sie Workshops für Jugendliche macht.

Eigentlich können wir uns ihr Honorar nicht leisten. Ich habe ihr trotzdem geschrieben und ihr ausführlich unser Projekt vorgestellt. Und: Sie machts!

Im Sommer 2013 habe ich ehrenamtlich Steinbildhauerei angeboten, weil nicht genug auf dem Konto war, um eine_n externe_n Künstler_in angemessen bezahlen zu können. Inzwischen stehen wir wieder besser da. Der Wunsch meiner Mutter zu ihrem 90. Geburtstag: `Spenden für KUNST IN DER KLINIK´ hat sehr geholfen.

Wir danken euch ganz herzlich für eure Unterstützung. Eure Spenden machen es möglich, dass es weitergehen kann mit den Workshops von KUNST IN DER KLINIK.

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