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Aus dem, was gestern war, auswählen, was am besten gefallen hat. Gute Musik. Tanzen. Zusammen. Allein. Die Mädchen sind hoch motiviert. Sie verabreden sich für die Freizeit, um Musik für die Abschlussperformance zusammen zu stellen. Es ist heiß. Es gibt Obst und Sprudel von der Klinik. Eva organisiert kongenial im Hintergrund.

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Montag: Sechs junge Mädchen aus verschiedenen Stationen der Jugendpsychiatrie kommen zum Festsaal. Kennenlernen. Eine Gruppe werden. Spiegeln: Eine nimmt eine ausdrucksvolle Haltung ein – eine andere stellt diese nach. Wie fühlt sich das an? Gar nicht so einfach. Jede legt, stellt, setzt, bewegt sich an einen Platz im Raum, in einer Haltung, Bewegung, die heute passt. Die Plätze und Formen tauschen. Ein Ablauf entsteht. Erste Formen und Choreografien. Gemeinsame Bewegung.

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Nächste Woche ist es wieder soweit: Montag beginnt der diesjährige Workshop in der LWL-Klinik Marsberg (Kinder- und Jugendpsychiatrie). Ute Seddig aus Köln bietet Tanztheater an. Seit 2002 organisiert Kunst in der Klinik e.V. diese Workshops als lebendiges Mahnmal für „Euthanasie“-Opfer des Nationalsozialismus. Tanz hatten wir noch nicht. Wir sind alle sehr gespannt.

Diese Woche: Literaturwerkstatt mit Mirijam Günter

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2013, 35 Min.

Sechs junge Menschen arbeiten eine Woche lang am Stein, unter Anleitung der Bildhauerin Astrid Raimann. Die Aufgabe: Finde deine Form. Wir sehen sie bei der Arbeit und erfahren, was sie dabei bewegt, wie sie zu ihrer Form kommen.

In den Arbeitspausen sprechen sie über die Schule, über Freunde, über ihre Interessen und Pläne, über ihre Familie. Sie sprechen auch über den Klinikalltag. Und warum sie hier sind: in der Psychiatrie.

Dies ist der 11. von Künstler_innen angeleitete Workshops für junge Patient_innen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, den KUNST IN DER KLINIK e.V. jedes Jahr in den Sommerferien organisiert. Es ist die 2. Steinbildhauerwerkstatt, davor gab es einen Videoworkshop, eine Comicwerkstatt, Marionettenbau und –Spiel, 2x Kreatives Schreiben/Theaterimprovisation und 4x Malerei.

Der Film zeigt die Arbeit im Workshop 2013, interviewt die Teilnehmer_innen und die Leiterion und beleuchtet den Hintergrund des Projekts: KUNST IN DER KLINIK ist Teil des Projekts „Idiotenfriedhof“, ein lebendiges, auf die Zukunft gerichtetes Mahnmal für die behinderten und psychisch kranken Kinder, die  im Rahmen der Kinder–„Euthanasie“–Aktion von NS-Ärzten umgebracht worden sind.

Diesen Film kann man  über das Kontaktformular bestellen. Er kostet 12 €.

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Eine Fülle von Texten ist in dieser Woche entstanden: kurze Texte, konzentriert wie Gedichte, lange Texte, Steckbriefe, gemeinsam geschriebene Assoziationsketten und –brücken, lustige Texte und schwere Texte. Sookee und die Teilnehmerinnen des Workshops „Kreatives Schreiben“ haben die Texte an Stellwände gehängt, auf den Boden geklebt, in die Luft gehängt – und vorgetragen. Alle Texte waren anonymisiert, es war nicht zu erkennen, wer was geschrieben hatte. Außerdem gab es ein Zeichensystem, mit dem jeder Besucher entscheiden konnte, z.B. schwere Texte zu lesen oder nicht. Respekt, Rücksicht, Schutz und Selbstschutz waren immer wieder Thema in dieser Woche.

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Es gab eine

  • Sammlung schöner Worte: Himmelsrand, Eichhörnchen!! Feuer, Liebe, Melancholie, Pudding, Kekse, Wort, Schmetterling, Regenbogen, Eleganz, Mut, Hinterland, Glück, Magie, Karibik, Traum, Pups, Schokolade, Melodie, wundervoll, Traum, Weise, Neon, Einhorn, Erdbeere, Himmel, Sommer

und eine

  • Sammlung doofer, hässlicher, nicht so schöner Worte: Egoismus, Bild, Durchfall, Tür, Krätze, Physik, Bombe, Zuckerwatte, Punkt, Pappe, Stuhl, Platte, paradox, Matte, Denken, Stolzzzzz, Motte, Lichtschalter, Mathe, Blatt, KKK, hysterisch, Kontakt, Gymnasium

und noch eine

  • Sammlung missverständlicher, unklarer, schwieriger, Fragezeichen-aufgebender Worte

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  • Man konnte hören und lesen, was der Regen sagen würde, wenn er zu uns sprechen könnte.
  • Wir hörten, dass die depressive Katze, die noch dazu eine psychosomatische Störung hat und heute keine Maus gefangen hat, lernen muss, dass sie Fehler machen darf und dass man im Leben nicht alles haben kann.
  • Wir hörten das Gedicht vom Krümelkeks, der allein und ohne Freunde im Gemüsebeet lebte.
  • Eine liebevoll – bewundernde – kritisch / weise Ansprache der Erde an ein „Du“.
  • Wir hörten und lasen, was heute alles nicht gemacht wurde,
  • und einen Versuch über die Frage, was Liebe ist.
  • Erstaunliche Weisheiten ergaben sich aus absurden Fließtexten nach dem Muster von Onkel Otto in der Badewanne („Friedliche Menschen müssten mehr Mist machen als die anderen.“ „Gute Nachrichten kommen gediegen aus dem TV.“ „Tanz mit mir, möglichst lange im Gewitter.“)
  • Außerdem: Gedanken darüber, was eigentlich ein Text ist,
  • eine Sammlung: „Dinge, die ich in den letzten Jahren über das Mädchen/Frau sein gelernt habe“,
  • außerdem darüber, was gut und nicht so gut ist für Kreativität.
  • Es gab eine Geschichte ohne Happy end im Regen,
  • ein Selbstporträt als Künstlerin,
  • einen Brief an sich selbst („Liebes Ich“)
  • und Kurztexte, konzentriert wie Prosagedichte, die unter die Haut gingen.
  • Jede Teilnehmerin hat einen Steckbrief gestaltet – so unterschiedlich wie das Leben selbst. Rubriken u.a.: `wichtigste Charaktereigenschaft´, `schönste Beobachtung in der Natur´, `größter Lebenstraum´, `Lieblingskörperteil´, `das Wichtigste überhaupt´.

Das Publikum war sehr beeindruckt.

Kennt Ihr Sookee?

Sookee („Quing of Berlin“) ist Rapperin und ziemlich bekannt in der Szene. Rap: Text und Rhythmus, Körper und Wut. Und Spaß. Gewalt- und Machterfahrungen, Identitäts- und Geschlechterrollenfragen umzusetzen in Worte und Rhythmus: Das ist genau das Richtige für die Patient_innen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dachte ich, als ich in einem ZEIT-Interview mit Sookee las, dass sie Workshops für Jugendliche macht.

Eigentlich können wir uns ihr Honorar nicht leisten. Ich habe ihr trotzdem geschrieben und ihr ausführlich unser Projekt vorgestellt. Und: Sie machts!

Im Sommer 2013 habe ich ehrenamtlich Steinbildhauerei angeboten, weil nicht genug auf dem Konto war, um eine_n externe_n Künstler_in angemessen bezahlen zu können. Inzwischen stehen wir wieder besser da. Der Wunsch meiner Mutter zu ihrem 90. Geburtstag: `Spenden für KUNST IN DER KLINIK´ hat sehr geholfen.

Wir danken euch ganz herzlich für eure Unterstützung. Eure Spenden machen es möglich, dass es weitergehen kann mit den Workshops von KUNST IN DER KLINIK.

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Fünf Tage, sechs junge Patienten und Patientinnen aus 5 psychiatrischen Stationen, zehn Formen sind entstanden. Die Aufgabe: Finde deine Form.

Diese Rohlinge (Sandstein und ein Kalkstein) waren bis auf zwei alle quaderförmig. Sie waren behauen, um in ein Mauerwerk eingebaut zu werden, wurden aber aussortiert, weil sie alle irgendeine Macke haben: Risse, Löcher, Schwachstellen, Bruchstellen, Brüche. Diese Besonderheiten wurden bei einigen der Arbeiten zum Ausgangspunkt für die Gestaltung.

Bei einem Stein gab es z.B. eine dunklere Stelle, ein Loch, das zuerst nicht zum ursprünglichen Plan passte. Aber dann erkannte der Teilnehmer: das ist ja ein Auge! Ein Kopf. Ein zweites Auge kam dazu – leider ein Totenkopf. Und dann die Überraschung: Sobald der Mund ausgearbeitet war, wurde der Kopf lebendig! Und fing an zu sprechen. Der Kopf bekam später noch einen Körper, die ganze Figur einen Hintergrund, der zeigt, wo das Wesen herkommt.

Dann: Eine natürliche dunkle Einkerbung wurde erweitert zum „Flusstal“, das Wasser bekam mit einem Durchbruch noch einen Überlauf. Und dann stellte der Teilnehmer diese Flusslandschaft auf ein Gewölbe, das an Stonehenge erinnert, dieses geheimnisvolle Menschenwunder aus uralten Zeiten. Der rechteckige, massive Quader wurde auf einmal leicht und denkt sich im Kopf weiter. 

Ein anderer Stein war eine Herausforderung. Er hatte mehr Löcher, Risse, Quarzadern und Schwachstellen als alle anderen. Er ist beim Arbeiten zerbrochen – er war vorher fast doppelt so hoch. Aber der Teilnehmer hat nicht aufgegeben. Er hat die rechteckige stabile Basis stehen gelassen und angefangen, darüber etwas Rundes zu arbeiten, das in dem Eckigen versinkt.

Ein Herz: eine farbige Linie im Stein war vorher nicht zu sehen, sie kam erst beim Arbeiten heraus. Und schmiegt sich jetzt so harmonisch an die Form, als hätte man sie gemalt. Ein Herz, das aufrecht steht und sich zeigt. Eine starke Form.

Es gab eine weitere Überraschung, aber nicht vom Stein. Als wir uns gestern gemeinsam angesehen haben, was jeder so gemacht hat, fiel einem der Teilnehmer auf, dass diese Form, die eine Kugel werden will, Strahlen hat. Beim Arbeiten, durch das Arbeiten entstanden, ohne Absicht und unbemerkt. Der Plan war nur gewesen, aus dem Eckigen etwas Rundes zu machen.

Dann hatten wir einen VW-Bus. Ich habe den Teilnehmern mehrmals gesagt, sie sollten sich besser nicht zu filigrane Formen vornehmen, weil der Sandstein grob und bröckelig ist und es Enttäuschungen geben kann. Und dann schlägt dieser Teilnehmer einen fast realistischen Unterboden aus dem Stein! So vorsichtig und akkurat, dass schmale Stoßstangen und feine Formen möglich werden.

Bei einigen Teilnehmern ging es nach dem ersten Stein noch weiter. Einer griff vom ersten Stein das Thema Positiv- Negativ – Form auf und führte es weiter – und fand bei einer dritten Form noch einmal einen neuen Dreh für das Thema. 

Jeder Teilnehmer hat seine Form gefunden, erkennbar. Einige sind noch im Werden. Und jeder hat seine ganz eigene Form gefunden. Sehr individuell, sehr eigenwillig, ganz interessante Ideen und sehr ausdrucksstark. Sie waren sehr stolz auf ihre Arbeit. 

Es gab in dieser Woche noch etwas Besonderes. Bildhauerei ist Einzelarbeit, man arbeitet für sich, jeder an seinem Tisch, jeder an seinem Stein. Diese 4 Jungen und 2 Mädchen, die sich bis auf 2 vorher nicht kannten, sind in diesen Tagen zur Gruppe geworden. 

Es war sehr berührend, wie diese jungen Menschen miteinander umgingen. Wie sie sich morgens begrüßten, nach der Nacht fragten und wie es dem anderen ging. Wie sie sich interessierten für die Arbeit des Anderen. Wie sie sich auch gegenseitig Mut machten und von ihrem eigenen schweren Weg, auch von guten Erfahrungen berichteten. 

Das hat auch mit der Arbeit und der Haltung der Menschen zu tun, die in dieser Klinik arbeiten.

Die Klinikleitung, Herr Dr. Burchard, Herr Dr. Heinemann haben das Projekt unterstützt. Frau Nüse hat zuverlässig und kongenial organisiert. 

Ich komme in den großen Saal der Westfälischen Klinik. Stühle sind vor der Bühne aufgebaut, einige Besucher sind schon da, Arzu Toker, die Leiterin des diesjährigen Workshops, im Gespräch mit dem Klinikleiter Dr. Burchard. Nathan Raimann, Assistent in diesem Workshop, trägt Getränke für die Gäste zum Tisch am Eingang. Plötzlich horcht Herr Dr. Burchard auf: „Der Klinikleiter ist entführt worden?“ Jetzt hören alle zu, was da über die Lautsprecher die ganze Zeit im Hintergrund angesagt wird. Eine junge Stimme spricht „Nachrichten“. Aus der Klinik. Vermischt mit Sätzen, die aufhorchen lassen, weil sie so absolut nicht zu „Nachrichten“ passen wollen. Wir setzen uns. Begrüßungsansprachen. Dann beginnt die Aufführung. Als der Vorhang sich öffnet, sitzen drei junge Mädchen auf mit Fotos von Klinikgebäuden beklebten quadratischen Kästen. Mit dem Rücken zum Publikum.

Diesen Sommer hatten es die Workshopleiter schwer. Nur fünf Teilnehmer waren angemeldet, eigentlich zu wenig für eine Theateraufführung. Zwei davon hatten gedacht, es würde gemalt, und hatten keine Lust auf Schreiben und Theater. Einer wurde noch dazu gewonnen – er aber hatte auch keine Lust mit zu machen. So blieben drei Teilnehmerinnen, zwischen 14 und 15 Jahre alt, hoch motiviert und unglaublich kreativ.

Die Jugendlichen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Westfälischen Klinik  Marsberg sind nicht umsonst hier. Sie haben zum Teil grauenhafte Dinge erlebt und große Probleme, mit unserem „normalen“ Leben zurecht zu kommen. Die künstlerische Arbeit mit ihnen in den Sommerworkshops ist jedes Mal eine Herausforderung.

Die Texte, die die drei hoch motivierten jungen Frauen sprachen, ließen einige Besucher schlucken. Da gab es Berichte von Gewalterfahrungen, Dialoge von absoluter Lieblosigkeit und Missachtung, Gedichte von Grenzerfahrungen, die man niemandem wünscht. Es gab aber auch sehr viel Hoffnung, sehr viel Mut. Allein der Mut, sich auf die Bühne zu stellen und derart persönliche Texte vor zu tragen, zeugte von so viel persönlicher Power dieser jungen Menschen.

Eine der Teilnehmerinnen sagte, diese Woche habe ihr mehr gebracht als Monate der Therapie.

Was wir daraus hören: Es ist richtig und gut, was wir hier machen mit unserem Projekt „Idiotenfriedhof“ – nicht, weil Therapie überflüssig wäre, das ist sie nicht, sondern weil sie sie ergänzt. Therapie ist notwendig – ein Kunstworkshop ist ein Zusätzliches, ein Geschenk. Anscheinend ein wertvolles.

Wir finanzieren die Workshops ausschließlich aus Spenden. Im letzten Jahr sind zwei großzügige Spender ausgefallen, auch haben wir keine Drittorganisation  zur Unterstützung finden können wie in einigen Jahren zuvor. Deshalb bitten wir Sie: Spenden Sie, sagen Sie weiter, kontaktieren Sie uns.

Hier finden Sie weitere Hintergrundinfo zum Projekt und die Spenden-Seite: www.idiotenfriedhof.de

 Danke.

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