Skip navigation

Monthly Archives: April 2015

Das Projekt “Idiotenfriedhof” ist ein Mahnmal für “Euthanasie”-Opfer des St. Johannes Stifts in Marsberg, Westfalen (Heute: Westfälische Klinik Marsberg, Kinder- und Jugendpsychiatrie). Eine Installation am Anstaltsfriedhof, Bredelarer Straße 33, wird ergänzt durch kontinuierliche Projektarbeit mit Patienten der Klinik heute.

Geschichte
Im St. Johannes Stift wurde 1940/1941 eine Kinderfachabteilung vom “Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden” eingerichtet. Von nationalsozialistischen Ärzten und Krankenschwestern wurden hier psychisch kranke und körperlich und geistig behinderte Kinder und Jugendliche getötet. Etwa 50 Gräber auf dem Anstaltsfriedhof an der Bredelarer Straße konnten eindeutig diesen Opfern zugeordnet werden. Weil Informationen über die Kindermorde nach außen gelangten und in der Marsberger Bevölkerung Unruhe entstand, wurde die Fachabteilung 1941 nach Dortmund-Aplerbeck verlegt. (s. Bernd Walter: Die NS-“Kinder-Euthanasie”-Aktion in der Provinz Westfalen, in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 3/01, S.222 und 215)

Der Name
“Idiotenfriedhof” war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die offizielle Bezeichnung der Klinik. Bis in die 60-er/70-er Jahre des 20. Jahrhunderts war sie selbstverständlicher Sprachgebrauch, ebenso wie “Idiotenfriedhof”. Erst danach, mit der intensiven Diskussion der jüngsten Vergangenheit und der nationalsozialistischen Verbrechen verschwanden die Bezeichnungen. Vom Projekt wird ausdrücklich das diskriminierende Wort aufgegriffen mit dem Ziel, einerseits zu erinnern und bewusst zu machen, was war und was damals selbstverständlich war – und andererseits auf zu zeigen, was sich ändern kann.

Installation am FriedhofKunst für den Friedhof
Ein Deutungsversuch
Ein 3 x 3 m großes schwarzes Quadrat aus 8cm starkem Stahl-Rechteckrohr umrahmt und betont den Eingang zum Friedhof. Er trägt die Inschrift: “Hier und da, 1940 – 2004″. Die von der Bildhauerin Astrid Raimann gestaltete Installation ist im Sinne von Konzeptkunst keine Arbeit, die als Kunstwerk für sich steht, sondern findet ihren Sinn in der Wirkung, die sie auf die Wahrnehmung der Besucher ausübt.

Die Aufmerksamkeit wird auf den Moment des Übergangs gelenkt. Man durchschreitet die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Lebenden und Toten, Gesunden und Kranken, “Normalen” und “Verrückten”, denen die dazugehören und den “Lebensunwerten”.

Im September 2004 wurde die Installation errichtet, in Zusammenarbeit mit der Sparkasse Paderborn und der Westfälischen Klinik Marsberg.

Kunst für Kinder, lebendiges Mahnmal
Das Besondere an der Gedenkstätte Projekt “Idiotenfriedhof” in Marsberg ist die Koppelung eines künstlerisch gestalteten Mahnmals, der Installation am Friedhof, mit einem kontinuierlichen Projekt mit und für PatientInnen der Klinik (Psychiatrie). Es handelt sich um von Künstlern angeleitete jährlich stattfindnde Workshops (bisher: Steinbildhauerei, Videowerkstatt, Comicwerkstatt, Aquarellmalerei, Marionettenbau und -Spiel, Improvisationstheater und kreatives Schreiben). Das Ziel ist hier, ebenso wie bei der Installation am Friedhof, einen Bewusstseinsprozess an zu stoßen. Den jungen Patienten werden von Künstlern Mittel an die Hand gegeben, mit deren Hilfe sie ihre Befindlichkeit in einer extremen Lebenssituation ausdrücken können. Indem sie sich mit den Ergebnissen einem Publikum vorstellen, sollen sie den “Wert” ihrer eigenen Sicht der Welt erleben. Ziel der Workshops und der Präsentation in der Öffentlichkeit ist es, auf der Seite des Publikums Vorurteile und Berührungsangst vor Psychiatrie und psychischer Krankheit ab zu bauen.

aquarellworkshop 2006

Die Workshops werden organisiert vom Verein Kunst in der Klinik e.V. und durch Spenden getragen.

mehr:www.idiotenfriedhof.de