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Tag Archives: Creative writing

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Eine Fülle von Texten ist in dieser Woche entstanden: kurze Texte, konzentriert wie Gedichte, lange Texte, Steckbriefe, gemeinsam geschriebene Assoziationsketten und –brücken, lustige Texte und schwere Texte. Sookee und die Teilnehmerinnen des Workshops „Kreatives Schreiben“ haben die Texte an Stellwände gehängt, auf den Boden geklebt, in die Luft gehängt – und vorgetragen. Alle Texte waren anonymisiert, es war nicht zu erkennen, wer was geschrieben hatte. Außerdem gab es ein Zeichensystem, mit dem jeder Besucher entscheiden konnte, z.B. schwere Texte zu lesen oder nicht. Respekt, Rücksicht, Schutz und Selbstschutz waren immer wieder Thema in dieser Woche.

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Es gab eine

  • Sammlung schöner Worte: Himmelsrand, Eichhörnchen!! Feuer, Liebe, Melancholie, Pudding, Kekse, Wort, Schmetterling, Regenbogen, Eleganz, Mut, Hinterland, Glück, Magie, Karibik, Traum, Pups, Schokolade, Melodie, wundervoll, Traum, Weise, Neon, Einhorn, Erdbeere, Himmel, Sommer

und eine

  • Sammlung doofer, hässlicher, nicht so schöner Worte: Egoismus, Bild, Durchfall, Tür, Krätze, Physik, Bombe, Zuckerwatte, Punkt, Pappe, Stuhl, Platte, paradox, Matte, Denken, Stolzzzzz, Motte, Lichtschalter, Mathe, Blatt, KKK, hysterisch, Kontakt, Gymnasium

und noch eine

  • Sammlung missverständlicher, unklarer, schwieriger, Fragezeichen-aufgebender Worte

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  • Man konnte hören und lesen, was der Regen sagen würde, wenn er zu uns sprechen könnte.
  • Wir hörten, dass die depressive Katze, die noch dazu eine psychosomatische Störung hat und heute keine Maus gefangen hat, lernen muss, dass sie Fehler machen darf und dass man im Leben nicht alles haben kann.
  • Wir hörten das Gedicht vom Krümelkeks, der allein und ohne Freunde im Gemüsebeet lebte.
  • Eine liebevoll – bewundernde – kritisch / weise Ansprache der Erde an ein „Du“.
  • Wir hörten und lasen, was heute alles nicht gemacht wurde,
  • und einen Versuch über die Frage, was Liebe ist.
  • Erstaunliche Weisheiten ergaben sich aus absurden Fließtexten nach dem Muster von Onkel Otto in der Badewanne („Friedliche Menschen müssten mehr Mist machen als die anderen.“ „Gute Nachrichten kommen gediegen aus dem TV.“ „Tanz mit mir, möglichst lange im Gewitter.“)
  • Außerdem: Gedanken darüber, was eigentlich ein Text ist,
  • eine Sammlung: „Dinge, die ich in den letzten Jahren über das Mädchen/Frau sein gelernt habe“,
  • außerdem darüber, was gut und nicht so gut ist für Kreativität.
  • Es gab eine Geschichte ohne Happy end im Regen,
  • ein Selbstporträt als Künstlerin,
  • einen Brief an sich selbst („Liebes Ich“)
  • und Kurztexte, konzentriert wie Prosagedichte, die unter die Haut gingen.
  • Jede Teilnehmerin hat einen Steckbrief gestaltet – so unterschiedlich wie das Leben selbst. Rubriken u.a.: `wichtigste Charaktereigenschaft´, `schönste Beobachtung in der Natur´, `größter Lebenstraum´, `Lieblingskörperteil´, `das Wichtigste überhaupt´.

Das Publikum war sehr beeindruckt.

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Ich komme in den großen Saal der Westfälischen Klinik. Stühle sind vor der Bühne aufgebaut, einige Besucher sind schon da, Arzu Toker, die Leiterin des diesjährigen Workshops, im Gespräch mit dem Klinikleiter Dr. Burchard. Nathan Raimann, Assistent in diesem Workshop, trägt Getränke für die Gäste zum Tisch am Eingang. Plötzlich horcht Herr Dr. Burchard auf: „Der Klinikleiter ist entführt worden?“ Jetzt hören alle zu, was da über die Lautsprecher die ganze Zeit im Hintergrund angesagt wird. Eine junge Stimme spricht „Nachrichten“. Aus der Klinik. Vermischt mit Sätzen, die aufhorchen lassen, weil sie so absolut nicht zu „Nachrichten“ passen wollen. Wir setzen uns. Begrüßungsansprachen. Dann beginnt die Aufführung. Als der Vorhang sich öffnet, sitzen drei junge Mädchen auf mit Fotos von Klinikgebäuden beklebten quadratischen Kästen. Mit dem Rücken zum Publikum.

Diesen Sommer hatten es die Workshopleiter schwer. Nur fünf Teilnehmer waren angemeldet, eigentlich zu wenig für eine Theateraufführung. Zwei davon hatten gedacht, es würde gemalt, und hatten keine Lust auf Schreiben und Theater. Einer wurde noch dazu gewonnen – er aber hatte auch keine Lust mit zu machen. So blieben drei Teilnehmerinnen, zwischen 14 und 15 Jahre alt, hoch motiviert und unglaublich kreativ.

Die Jugendlichen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Westfälischen Klinik  Marsberg sind nicht umsonst hier. Sie haben zum Teil grauenhafte Dinge erlebt und große Probleme, mit unserem „normalen“ Leben zurecht zu kommen. Die künstlerische Arbeit mit ihnen in den Sommerworkshops ist jedes Mal eine Herausforderung.

Die Texte, die die drei hoch motivierten jungen Frauen sprachen, ließen einige Besucher schlucken. Da gab es Berichte von Gewalterfahrungen, Dialoge von absoluter Lieblosigkeit und Missachtung, Gedichte von Grenzerfahrungen, die man niemandem wünscht. Es gab aber auch sehr viel Hoffnung, sehr viel Mut. Allein der Mut, sich auf die Bühne zu stellen und derart persönliche Texte vor zu tragen, zeugte von so viel persönlicher Power dieser jungen Menschen.

Eine der Teilnehmerinnen sagte, diese Woche habe ihr mehr gebracht als Monate der Therapie.

Was wir daraus hören: Es ist richtig und gut, was wir hier machen mit unserem Projekt „Idiotenfriedhof“ – nicht, weil Therapie überflüssig wäre, das ist sie nicht, sondern weil sie sie ergänzt. Therapie ist notwendig – ein Kunstworkshop ist ein Zusätzliches, ein Geschenk. Anscheinend ein wertvolles.

Wir finanzieren die Workshops ausschließlich aus Spenden. Im letzten Jahr sind zwei großzügige Spender ausgefallen, auch haben wir keine Drittorganisation  zur Unterstützung finden können wie in einigen Jahren zuvor. Deshalb bitten wir Sie: Spenden Sie, sagen Sie weiter, kontaktieren Sie uns.

Hier finden Sie weitere Hintergrundinfo zum Projekt und die Spenden-Seite: www.idiotenfriedhof.de

 Danke.